Letztes Semester habe ich dieses Essay im Deutschunterricht geschrieben. Nach den Abstimmungen von vergangener Woche ist das Thema aktueller denn je und ich möchte in dieser Form, meinen Beitrag zum aktuellen Diskurs leisten.
Minarette sind eine Chance, die Minarettverbots-Initiative eine Gefahr
Die Einflüsse anderer Kulturen werden grösser in der Schweiz. Sich von diesen abzuschotten, wie die SVP dies mit der Minarettverbots-Initiative versucht, ist keine Lösung. Gemäss dem Leitspruch der französischen Revolution „Égalité, Fraternité, Liberté“ sollen allen die gleichen Rechte zukommen. Denn sonst ist die Religionsfreiheit, die wir proklamieren, gefährdet.
Die Schweiz war schon immer ein Einwanderungsland; zuerst kamen die Italiener, dann die Jugoslawen und Portugiesen und in den letzten Jahren vermehrt Personen aus Afrika. Ein Spaziergang entlang der Langstrasse in Zürich reicht, um zu sehen, wie viele Nationalitäten Teil unserer Bevölkerung geworden sind. Mit den Ausländern ist mehr Diversität in unser Land gekommen. Viele Einflüsse können wir uns gar nicht mehr wegdenken: die guten italienischen Restaurants, der Kebabstand um die Ecke oder die Afropfingsten in Winterthur. Die Diversität, die durch den Einfluss anderer Kulturen und anderer Religionen entsteht und viel weiter geht als diese Beispiele, hat eine Kehrseite: Die Unsicherheit. Die Gesellschaft ist so schnell so vielseitig geworden, dass man nicht mehr weiss, wer man selbst ist. Die eigene Identität droht zu zerbrechen. Um dies zu verhindern, schotten wir uns ab und trennen Eigenes und Fremdes radikal. Aus diesem Bedürfnis entspringen Auswüchse wie die Minarettverbots-Initiative der Schweizerischen Volkspartei (SVP). In ihrer Stellungnahme schreibt die Partei: „Das Minarett hat keine religiöse Bedeutung. Es wird im Koran nirgends erwähnt.“
Minarette und Kirchtürme sind Symbole ihrer Religionen
Die SVP argumentiert, dass Minarette keine religiöse Bedeutung haben, damit sie diese verbieten können, ohne der Religionsfreiheit zu widersprechen. In der Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 steht: „Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt […] die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.“
Auch wenn Minarette nicht im Koran erwähnt werden, bedeutet dies nicht, dass sie keine religiöse Bedeutung haben. Das merkwürdige an dieser Argumentation ist, dass unseren Kirchtürmen dieselbe Bedeutung beigemessen werden kann. Auch sie werden in der Bibel nicht erwähnt und waren Symbole der Macht. Und selbst jegliche praktische Funktion haben sie verloren, seit Schweizerinnen und Schweizer Armbanduhren am Handgelenk tragen. Genau wie das Minarett ein Symbol des islamischen Glaubens ist, sind Kirchtürme ein Symbol der christlichen Religion.
Staat und Kirche müssen getrennt bleiben
Die Religion ist ein gutes Mittel, um Menschen zu motivieren, zu zwingen, das zu tun, was die Mächtigen wollen. Der Klerus und Adel hat dieses Werkzeug in Europa bis zur französischen Revolution immer wieder eingesetzt. Die Trennung von Kirche und Staat ist eine Errungenschaft der Aufklärung. Wenn die SVP Minarette über eine Initiative verbieten will, erzittert dieser Grundsatz. Gleichzeitig argumentieren sie gegen Minarette, mit dem Vorwurf der Islam kenne diese Trennung nicht. Wenn diese Initiative Erfolg hätte, würden wir ins selbe Boot steigen. Staat und Kirche wären nicht mehr getrennt, sondern der Staat würde der Religion - nicht unser eigenen - Befehle erteilen.
Akzeptanz und Toleranz für alle Religionen
Gotthold Ephraim Lessing trat 1779 in seinem Drama „Nathan der Weise“ für Akzeptanz und Toleranz unter den Religionen ein. In der Schlüsselszene seines Stückes äussert sich die Hauptfigur Nathan dazu. Er setzt in einer Geschichte - der Ringparabel - die drei Religionen Ringen gleich, welche die Eigenschaft haben, den Menschen vor Gott angenehm zu machen.
„Mein Rat ist aber der: ihr nehmt / Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von / Euch jeder seinen Ring von seinem Vater: / So glaube jeder sicher seinen Ring / Den echten. - Möglich; dass der Vater nun / Die Tyrannei des einen Rings nicht länger / In seinem Hause dulden wolle! - Und gewiss; / Dass er euch alle drei geliebt, und gleich geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen, / Um einen zu begünstigen.“
Was Lessing in seinem Drama Nathan sagen lässt, scheinen wir vergessen zu haben. Dies, obwohl die Ringparabel ein Thema anschneidet, das sehr aktuell ist. Wieso gelingt uns heute nicht das gleiche mit dem Islam, was uns einst zwischen der katholischen und evangelischen Konfession gelang? Dass eine evangelische und eine katholische Kirche in jedem Dorf steht, wundert uns längst nicht mehr, ja wir bemerken es nicht einmal mehr.
Ich wäre stolz, würden meine Kinder, Enkel oder Urenkel es als genauso selbstverständlich betrachten, wenn neben der katholischen und der evangelischen Kirche eine Moschee mit Minarett stehen würde.
Toleranz umsetzen und nicht nur predigen
Die islamischen Länder habe nie eine Aufklärung wie Europa durchlebt, argumentiert die SVP weiter, deshalb müssen wir ihn nicht akzeptieren. Es stimmt, dass es im Islam nie eine Aufklärungszeit wie die französische Revolution gegeben hat. Aber welche Rolle spielt dies bei der Diskussion um Minarette? Muslime werden auch ohne Minarette weiterhin in unserem Land leben. Und es stimmt, einige haben Mühe, unsere Gesellschaft zu akzeptieren. Aber es gibt viele, die sich integrieren, nur spricht man nicht über sie. Wieso soll man diesen Menschen verbieten ein Minarett zu bauen? So viel Toleranz muss doch möglich sein, in einem Land deren Bundesverfassung schreibt: „[…] Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken, im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihrer Vielfalt in der Einheit zu leben […]“. Aber wieso fällt es uns so schwer, die Toleranz und Offenheit umzusetzen, die wir predigen?
Wir haben Angst, Angst vor Neuem, Angst vor Veränderung, Angst vor dem Unbekannten. Wie aufgeklärt sind wir, wenn wir uns von unserer Angst regieren lassen? Kant nennt Faulheit und Feigheit als die grössten Ursachen, wieso die Menschen nicht aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit treten. Die Angst würde in dieser Aufzählung ebenfalls einen Platz verdienen. Aber sie ist eines der Monster, die uns unmündig machen. Vielleicht sogar das Schlimmste, denn selbst dem Verstand eines aufgeklärten Menschen kann sie über Nacht das Zepter entreissen.
„Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, sagt Kant. Das war der Leitspruch der Aufklärung. Wenn aber nur noch unsere Ängste zu Wort kommen und die Raison schweigend im Hintergrund steht, werden wir dem nicht mehr gerecht.
Minarette als Symbol der Toleranz und Offenheit
Sapere aude. Bedienen wir uns des Verstandes und sehen ein, dass der Kampf gegen das Fremde von unserer Angst geleitet wird. Die Energie, die verbraucht wird, um uns abzugrenzen, wäre besser investiert, um das Fremde zu integrieren. Nicht nur in unserem Staat sondern auch in unserem Leben. Erst wenn dies gelingt, ist die Angst gebannt.




